Maya aus den Bergen Nordindiens

Unser zweiter unverhoffter Zuwachs an Bord, kam im November 2017 dazu. Die Geschichte von unserer Hündin Maya...

Es ist November. Auf 2.500 m in den Bergen Nordindiens wird es nachts schon bitterkalt. Eine feine Frostschicht überzieht das Land und lässt den Boden im Mondlicht glitzern.

Ich schrecke hoch, von einem Geräusch geweckt. Angestrengt lausche ich in die Dunkelheit. Ganz in der Nähe raschelt es. Plötzlich sehe ich ein Augenpaar direkt in meine Richtung blicken. Ängstlich ducke ich mich, doch Schritte kommen näher. Ein knurrender Laut, dann schnuppert der große Hund an mir. Ich halte die Luft an und liege ganz still. Zum Glück verliert er bald das Interesse und zottelt weiter. Erleichtert stehe ich auf und strecke meine von der Kälte steifen Glieder. Dann tapse ich ein Stück am Strassengraben entlang und finde eine alte Plastiktüte, auf der ich mich zusammen kugle. Langsam döse ich wieder ein.

Im kalten Morgengrauen weckt mein stechender Hunger mich. Es ist die "blaue Stunde", kurz vor Sonnenaufgang. Dunstiger Nebel, wie er um diese Jahreszeit üblich ist, zieht umher. Die Straße ist noch leer. Schnuppernd laufe ich am Strassenrand entlang, auf der Suche nach etwas fressbarem. Überall liegt Müll, größtenteils Plastik: Tüten, Flaschen, Verpackungen... Heute habe ich Glück und finde eine weiße Plastik Schale, in der noch etwas Reis ist.

Gierig schlingt der kleine Welpe den Reis hinunter, immer in der Angst, dass andere Strassenhunde kommen und es ihm wegnehmen, wie so oft. So gestärkt läuft die kleine Hündin weiter. Ihr kupferbraunes Fell schimmert in der Morgensonne.

 

Ein paar Tage später:

Ich renne so schnell ich kann. In der Schnauze habe ich eine Verpackung, in der noch der Rest eines Schoko-Riegels steckt. Mein Verfolger ist ein schwarz-weißer zottliger Rüde. Er hat gesehen, dass ich mich mit meiner Beute aus dem Staub machen will und ist viel schneller als ich. Verzweifelt renne ich an der Straße entlang. Der Rüde kommt näher und näher, ich höre seine Schritte hinter mir. Er versucht nach mir zu schnappen, verfehlt mich aber. Gleich hat er mich, denke ich und mache einen letzten verzweifelten Versuch ihm zu entkommen. Ich schlage einen Haken nach links und renne in Richtung der anderen Straßenseite. Plötzlich rast ein Auto direkt auf mich zu, ein lauter Hupton ertönt. Das nächste, an was ich mich erinnere, ist ein harter Schlag und ein dumpfes Geräusch. Ich werde weg geschleudert. Ich weiß nicht wie lange ich dort lag.

Als ich die Augen öffne, spüre ich zuerst einen starken Schmerz im linken Hinterbein. Ich weiß nicht was passiert ist. Ich erschrecke, als ein Auto ganz nahe an mir vorbeifährt. Als ich auf die Beine springe, jaule ich vor Schmerz auf. Mein ganzer Körper tut höllisch weh, besonders das Hinterbein.

Die kleine Hündin humpelt zum Strassengraben, wo sie sich zwischen Plastiktüten und Laub hinlegt und in einen erschöpften Schlaf fällt. Das linke Hinterbein schwillt bis zur Hüfte stark an. Der Kanal, in dem sie liegt, bietet etwas Schutz. Er ist unterhalb des Abhangs an der Strasse, führt aber momentan kein Wasser. Es sammelt sich nur Müll und Laub darin an. Die Strasse schlängelt sich am Berg entlang durch ein Waldstück.

 

Eine Woche später: Wir sind unterwegs Richtung Delhi, wo wir in ein paar Tagen Besuch erwarten. Noch sind wir in den Bergen Nordindiens am Fuße des Himalaya. Die Straßen hier sind kurvig, die Luft gut und klar.

In einem Waldstück sehen wir einen kleinen schwarz weißen Hund, der am Strassenrand entlangstöbert. Wir halten an, um ihm was zu Fressen zu geben. Als ich aussteige, bekommt der Kleine Angst und rennt weg. Plötzlich sieht Matze am anderen Strassenrand einen kleinen braunen Welpen. Ich nehme etwas Trockenfutter und gehe zu ihr. Sie hat sehr Angst und als sie versucht wegzurennen sehe ich, dass sie stark humpelt bzw. eigentlich nur auf drei Beinen läuft. Sie bleibt im Straßengraben sitzen. Vorsichtig nähere ich mich. Werfe ihr etwas vom Trockenfutter hin, das sie gierig verschlingt. Daraufhin wird sie zutraulicher. Ich gebe ihr alles und nehme sie dann mit zum Auto, wo wir ihr noch mehr füttern und zu trinken geben. Wir sehen sofort, dass sie voller Ungeziefer ist. Das Fell wimmelt vor Läusen und Flöhen. Joey will unbedingt zu ihr, aber wir halten ihn im Auto, aus Angst, dass er sich das Ungeziefer holt. "Wir können sie nicht mitnehmen!" meint Matze. Ich denke das selbe, aber der Anblick des völlig abgemagerten humpelnden Welpen, lässt mir Tränen in die Augen steigen. Es ist eine Entscheidung über Leben und Tod. Wenn wir sie hier sitzen lassen, in den Bergen, weit weg vom nächsten Dorf mit dem kommenden Winter, wird sie bestimmt nicht Überleben. "Wir nehmen sie wenigsten ein Stück mit und lassen sie in der Nähe eines Dorfes." sage ich. Wir sprühen sie mit Insektenschutz ein, um wenigstens ein paar der Läuse und Flöhe zu verjagen und packen sie dann in eine große Tasche in den Fußraum.

 

Abends beim Camp baden wir sie in warmem Wasser mit Anti Floh Shampoo. Wir wechseln das Wasser fünfmal bis es klar wird. Sie war völlig verdreckt. Das linke Hinterbein ist sehr stark geschwollen und fühlt sich bis zur Hüfte hart an. Es gibt warme Milch und Futter. Joey beschnuppert die Kleine neugierig und will mit ihr spielen. Sie knurrt ihn aber an und gibt deutlich zu verstehen, dass sie gerade nicht spielen will. Abends schläft sie erschöpft auf Matzes Schoß ein.

Wie das Schicksal so will, verstehen sich Joey und Maya prächtig. Joey hat endlich einen Spielkameraden und Maya entwickelt sich wunderbar. Sie nimmt schnell Gewicht zu, das Hinterbein heilt gut. Es ist ein gutes Gefühl zu erleben, wie es ihr langsam immer besser geht und sie zutraulicher wird.

Nach etwa drei Wochen steht fest, dass wir uns unmöglich wieder von ihr trennen können...