Gewehre, Checkpoints und Wüste - erste Tage in Pakistan

"Oh ne, ernsthaft? Nicht schon wieder!!!" motzt Matze auf dem Fahrersitz. "Die letze Kontrolle war erst vor fünf Kilometern!" Langsam lässt er das Auto ausrollen und stoppt vor der Schranke. Vor uns steigt der Polizist aus dem alten, rostigen Pickup, der die letzten 20 km vor uns hergefahren ist, und begrüßt freudestrahlend, mit Handschlag, Küsschen und Umarmung, seine Kollegen am Checkpoint Nummer 15.

Einer der zahlreichen Checkpoints in Belutschistan
Einer der zahlreichen Checkpoints in Belutschistan

Wir sind in Pakistan, der Region Belutschistan, Luftlinie 50 Kilometer von Afghanistan. Für diese Region gibt es ausdrückliche Reisewarnungen und das Auswärtige Amt rät dringend von Reisen in dieses Gebiet ab. Fakt ist, dass es hier immer wieder zu Anschlägen der Taliban und anderer Rebellen kommt und Schmugglerbanden in der Grenzregion tätig sind. Auch Touristen wurden hier schon entführt. Zur eigenen Sicherheit werden Reisende durch die Region Belutschistan und teilweise quer durch das gesamte Land, bis zur indischen Grenzstadt Lahore, mit Polizeischutz eskortiert.

Erster Abschnitt mit Eskorte, von der iranischen Grenze bis Quetta durch die Wüste
Erster Abschnitt mit Eskorte, von der iranischen Grenze bis Quetta durch die Wüste

Vor der Abreise haben wir lange überlegt. Gibt es eine andere Route, um Pakistan herum? Wie gefährlich ist es wirklich? Die meisten Leute, denen wir erzählen, dass unsere Route durch Pakistan führen soll, erklären uns für verrückt.
Die Schlagzeilen die Pakistan macht, regen in der Tat nicht gerade dazu an, das Land zu bereisen.
Bombenanschläge, Selbstmordattentate, Terroristen, IS und Taliban, diese Begriffe hört man in den Nachrichten im Zusammenhang mit Pakistan.

Nach Recherche und Kontakt mit anderen Reisenden sind wir überzeugt, dass die Durchquerung Pakistans machbar ist und das Risiko abschätzbar. Ein mulmiges Gefühl bleibt aber trotzdem bis zuletzt.
Wir freuen uns, dass Pakistan es, mit dem bereitstellen des Begleit-Schutzes, ermöglicht, überhaupt durch diese Region reisen zu können. Andernfalls blieben als Alternativen, für die Überland Reise, nur das Schiff, über den persischen Golf oder ein riesiger Umweg um Afghanistan herum.

Fundstück in Belutschistan, das einem bewusst macht in was für einer gefährlichen Region man sich befindet.
Fundstück in Belutschistan, das einem bewusst macht in was für einer gefährlichen Region man sich befindet.

Die Levies (Sicherheitspolizei), in schwarzen Kaftanen, und die Soldaten am Checkpoint in Uniform, haben ihre ausführliche Begrüßungszeremonie beendet und winken ungeduldig in unsere Richtung. Einer gestikuliert mit den Fingern ein Rechteck in der Luft. Wir wissen, was das bedeutet. Eintragen in die Liste!
Wir schauen uns an. "Wer geht dieses Mal?" Unsere Passnummern, Visanummern, Gültigkeitsdaten usw. können wir beide mittlerweile im Schlaf. Mit einem Seufzer nimmt Matze die Pässe und steigt aus. Ein Polizist kommt mit einem großen Buch in der Hand und winkt ihn zum kleinen Wachthäuschen. Er setzt sich und nimmt das offene Buch. Name, Passnummer, Datum, Fahrzeug Nummer, unterwegs von/nach, Visanummern... Trägt alles ein und gibt das Buch zurück.
Die Bücher, wo wir uns eintragen, sind speziell für Ausländer. In der Liste finden sich sämtliche Nationalitäten. Überwiegend Europäer: Franzosen, Spanier, Niederländer und Deutsche, aber auch Chinesen, Japaner usw. Im Schnitt kommen etwa drei bis vier Ausländer in der Woche durch. Die Einheimischen werden an den Checkpoints auch kontrolliert, Polizeischutz bekommen sie allerdings keinen.

Ein freundlicher Levie, die Sicherheitspolizei Belutschistans, der uns eskortiert
Ein freundlicher Levie, die Sicherheitspolizei Belutschistans, der uns eskortiert

Unsere Eskorten Polizisten haben es plötzlich eilig, aber eine gebührende Verabschiedung, der Kollegen am Checkpoint, darf natürlich nicht fehlen. Nach Umarmungen zum Abschied, steigen zwei mit geschultertem Gewehr, wieder hinten auf den Pickup, die anderen beiden vorne rein und weiter geht's.
Es ist heiß, die Sonne brennt auf das Asphaltband, das sich flimmernd im Sand der Wüste verliert. Die öde, eintönige Landschaft zieht an uns vorbei, bis in der Ferne die nächste Schranke mit Häuschen auftaucht... Checkpoint Nummer 16.

An den Checkpoints müssen wir uns immer mit allen Details in ein großes Buch eintragen.
An den Checkpoints müssen wir uns immer mit allen Details in ein großes Buch eintragen.

Die Nächte verbringen wir in Polizeistationen. Die Eskorten liefern einen bevorzugt erst einmal in einem Hotel ab, was wir aber von vornherein nicht wollen. Aus Erfahrung von anderen Reisenden wissen wir, dass diese Hotels gnadenlos überteuert und oft schmutzig und schlecht sind. Wir haben alles, was wir brauchen, an Bord und können problemlos in den Polizeistationen campen. Diese sind immer mit einer hohen Mauer geschützt und meist gleicht der Innenhof eher einem Schrott-Platz, als einer Polizeistation. Haufenweise Unfallwagen und beschlagnahmte Autos türmen sich dort. Jede Station hat ausserdem Gefängnis-Zellen.    

Unfallwagen und beschlagnahmte Autos stapeln sich in den Innenhöfen der Polizeistationen, wie hier in der Wüstenstadt Dalbandin.
Unfallwagen und beschlagnahmte Autos stapeln sich in den Innenhöfen der Polizeistationen, wie hier in der Wüstenstadt Dalbandin.

In Taftan, der Grenzstadt zum Iran, campen wir vis-a-vis mit den Gefangenen, die uns neugierig aus ihrer Zelle durchs Gitter beobachten. Ein freundlicher Levie, die Sicherheits Polizei Belutschistans, erzählt uns, dass alle hier wegen Drogen Schmuggel sitzen. Vor einigen Tagen wurden 20 kg Rauschgift im Reifen eines Lkw gefunden. Das ist hier an der Tagesordnung. Von Afghanistan wird über Pakistan in den Iran geschmuggelt.   

Grenzübergang Iran nach Pakistan
Grenzübergang Iran nach Pakistan

Für uns ist der Grenzübergang vom Iran nach Pakistan völlig problemlos. Als Ausländer haben wir eine Art Sonderstatus. Unser kleiner iranischer Hund wird von den Grenzern nur belächelt, hier haben sie wirklich ganz andere Probleme!
Die Grenze zwischen Iran und Pakistan trennt Welten voneinander. Bestes Beispiel ist die Straße: Auf iranischer Seite, glatter nagelneuer Asphalt, zwei spurig, völlig überdimensioniert für den wenigen Verkehr. Hinter dem Grenztor besteht die Strasse eher aus Löchern und Flicken und ist alles andere als glatt. Der Schnitt, zwischen dem vergleichsweise wohlhabenden, rohstoffreichen Iran und dem armen Pakistan ist hart.
"Welcome to Pakistan!" schallt es uns aber auch hier überall entgegen. Bei der Passkontrolle werde ich direkt darauf aufmerksam gemacht, dass Frau hier kein Kopftuch mehr tragen muss, was mich freut. Allerdings lasse ich das Tuch, aus Selbstschutz, dann oft doch ganz gerne auf dem Kopf.
Die Menschen freuen sich überall riesig uns zu sehen. Winken uns zu und wollen Selfies mit uns machen. Als Ausländer fällt man hier auf wie ein bunter Hund, ob mit oder ohne Kopftuch.
  

Neugierige und freundliche Pakistanis, die sich freuen Ausländer in ihrem Land begrüßen zu dürfen.
Neugierige und freundliche Pakistanis, die sich freuen Ausländer in ihrem Land begrüßen zu dürfen.

Am nächsten Morgen weckt uns der Ruf des Muezzin in aller Frühe. Um 7 Uhr soll die Eskorte los gehen. Einer der Polizisten steht aber ratlos vor der offenen Motorhaube unseres Eskorten-Fahrzeugs und kippt großzügig Wasser über den gesamten Motor. Doch auch diese Behandlung hilft nichts, der weiße Pickup tut keinen Mucks. Nach einigen weiteren ratlosen Blicken in den Motorraum, schlägt Matze vor, das Auto anzuschieben. Gesagt, getan, der Pickup läuft und es kann losgehen.
300 Kilometer mit 16 Checkpoints, mitten, durch die Wüste immer parallel zur afghanischen Grenze liegen vor uns.

Die Eskorten Fahrzeuge wechseln im Schnitt alle 20 km. Die Pakistaner sehen auf den ersten Blick oft etwas grimmig aus, sind aber wahnsinnig freundliche und nette Menschen. Am ersten Checkpoint gibt's erstmal eine kühle Cola zur Erfrischung, dann das übliche Prozedere: Eintragen ins Buch.
Die Levies sind Profis was eskortieren angeht und der Wechsel der Eskorten ist meist fließend. Die neue Eskorte wartet am Strassenrand und wir können einfach weiterfahren. Das Material und die Ausrüstung der Sicherheits Polizei, sind allerdings weit weniger professionell. Besonders die Fahrzeuge befinden sich alle in einem desolaten Zustand. Im Ernstfall hätten wir Zweifel, wie uns ein Mann auf einem alten China Moped beschützen sollte. Das stellen wir uns lieber nicht vor. Das wichtigste Utensil unserer Beschützer sind ihre Gewehre, Kalaschnikov und G3, immer locker über der Schulter hängend oder in der Hand. Zu Beginn ist es sehr erschreckend und angsteinflößend, die ganze Zeit schwer bewaffnete Männer um sich zu haben, aber mit der Zeit gewöhnt man sich daran.

Unsere Beschützer, die Levies (Paramilitär) ausgestattet mit Kalaschnikov und G3 Gewehren.
Unsere Beschützer, die Levies (Paramilitär) ausgestattet mit Kalaschnikov und G3 Gewehren.

Erschöpft und verschwitzt kommen wir Abends bei der Polizei Station in der kleinen Wüstenstadt Dalbandin an. Wir können im Innenhof parken. Die Polizisten begrüßen uns sehr freundlich. Doch dann kommt stolzierend ein Herr auf uns zu. Seinem Auftreten nach zu urteilen, muss er der oberste Chef hier sein. Er trägt einen blütenweisen Kaftan, drei auffallende goldene Ringe an der rechten Hand und seine henna gefärbten schwarz-roten, nach hinten gekämmten Haare, glänzen ölig. Sein ganzes Verhalten ist schmierig, weshalb er von uns den Spitznamen Schmalzlocke bekommt. Mit aufgesetzter Freundlichkeit fragt er, warum wir denn nicht im Hotel übernachten wollen. Wir sagen ihm, dass wir einen Hund haben und auch so lieber bei der Polizei Station bleiben wollen. Man merkt, dass er innerlich kocht und uns abschätzend betrachtet, als wir den Hund erwähnen. Nach einigen weiteren erfolglosen Versuchen, uns vom Hotel zu überzeugen, gibt er auf und zieht von dannen. Nicht aber, ohne uns noch anzublaffen, dass der Hund nichts in Sichtweite von dem Gebetsraum, der sich mitten im Innenhof befindet, zu suchen hat. Unserem kleinen Welpen Joey wirft er dabei hasserfüllte Blicke zu. Wir parken also möglichst weit weg, von der Gebetsstätte und verhalten uns ruhig.

"Welcome“ in der Wüstenstadt Dalbandin, der erste Zwischenstopp nach der iranischen Grenze.
"Welcome“ in der Wüstenstadt Dalbandin, der erste Zwischenstopp nach der iranischen Grenze.

Später kommt Schmalzlocke noch mal vorbei und will, dass wir ein dubioses Papier unterschreiben. Einen Tankbeleg, wie er uns versichert. Es ist ein Formular auf Farsi, die leeren Felder sind jedoch nicht ausgefüllt. Uns kommt das sehr komisch vor und da er auch nicht erklären kann, wozu wir das unterschreiben sollen, weigert Matze sich. Das macht Schmalzlocke ziemlich wütend, er ist es gewohnt, dass alle nach seiner Pfeiffe tanzen. Als unser Welpe Joey in seine Richtung kommt, tritt er ihn kräftig mit dem Fuß. Joey heult laut und rennt weg. Matze hebt den Arm, die umstehenden Polizisten greifen zu ihren Gewehren. Keiner rührt sich. Nach einer Schrecksekunde ist es vorbei. Schmalzlocke zieht wutschnaubend mitsamt Gefolge ab. Wieder der Drohung, dass wir nicht eskortiert werden würden, geht es am nächsten Morgen pünktlich und als wäre nichts gewesen weiter, Richtung Quetta.
Später versichern uns glaubhafte und ehrliche Polizisten, dass das was der schmierige Herr versucht hat, zu seinen eigenen Gunsten gewesen und in seine Tasche gewandert wäre. Es ist Korruption!
Diese Begegnung sollte aber zum Glück die einzige dieser Art bleiben. Alle anderen Polizisten und Offiziellen in Pakistan begegnen uns meist mit Freundlichkeit, Respekt und Ehrlichkeit.
       

Unser kleiner Welpe Joey wird in Pakistan nicht überall so gerne gesehen.
Unser kleiner Welpe Joey wird in Pakistan nicht überall so gerne gesehen.

In der Hauptstadt Belutschistans, Quetta, unweit der afghanischen Grenze, müssen wir zwei Nächte bleiben, um dort eine Genehmigung zu beantragen, dass wir durch Belutschistan reisen dürfen. Uns erschließt sich der Sinn nicht ganz, da wir ja schon mitten in Belutschistan sind. Ausserdem gilt Quetta als gefährlichste Stadt Pakistans. Hier werden häufig Anschläge verübt, das Aufgebot an Sicherheitskräften ist dementsprechend hoch. Sobald wir ins Stadtgebiet kommen, werden wir vom Anti Terror Squad mit einem voll gepanzerten Fahrzeug begleitet.

Es ist später Nachmittag und die Strassen sind voll. Überall geht es geschäftig zu. Man sieht überwiegend Männer in der Öffentlichkeit, Frauen sind so gut wie keine auf der Straße unterwegs. Die Männer tragen fast ausnahmslos Kaftane, eine Art Kutte, die knielang ist, meist in hellen Farben und auf dem Kopf oft ein flaches Käppchen.
Die Strasse und die ganze Stadt sind staubig. Überall gibt es kleine Läden, die von Lebensmitteln, über Bau-Zubehör, bis zu Mobiltelefonen, alles erdenkliche anbieten. Dazwischen Händler die Obst, Gemüse und Streetfood auf ihren Esel- oder Handkarren feil bieten.
Der Verkehr ist chaotisch. Mopeds zwängen sich in jede freie Lücke, ausserdem sind viele Fußgänger, Eselkarren und kleine Dreiräder oder Tuktuks als Taxis unterwegs. In dem Getümmel verlieren wir mehrmals den Anschluss an unsere Eskorte, die uns zur Polizeistation bringen soll.

Angekommen in Quetta, der Hauptstadt Belutschistans
Angekommen in Quetta, der Hauptstadt Belutschistans

Wir campen in einem abgesicherten Bereich, wo die Familien der Polizeibeamten wohnen, zwischen einem großen Sportplatz und der Mülldeponie. Viele Neugierige kommen vorbei und wollen uns, das Auto und unseren kleinen Welpen Joey sehen. Die Kids lassen in der Nähe Drachen steigen, vor Joey haben sie eine Heidenangst, können es aber natürlich trotzdem nicht lassen ihn zu locken und dann kreischend wegzupringen. Ein großer Spaß für alle. Von Gefahr oder Bedrohung keine Spur. Hier wohnen ganz normale Menschen, die einfach in Ruhe leben wollen. Nachts erfahren wir aber doch noch, warum die Stadt als gefährlich gilt. In der Nähe knallt es mehrmals. Es hört sich an wie ein Feuerwerk, was wir auch zuerst gutgläubig vermuten. Am nächsten Morgen, als wir wieder aus der Stadt eskortiert werden, sehen wir aber die Wahrheit. Am Straßenrand steht ein Pickup mit unzähligen Einschusslöchern, in der Windschutzscheibe und an der Seite.

Neugierige Kinder in Quetta
Neugierige Kinder in Quetta

Je weiter wir ins Landesinnere vordringen und besonders, als wir dann ohne Polizei-Eskorten unterwegs sind, lernen wir das Land und seine Leute richtig kennen. Noch nie haben wir so eine Offenheit und Gastfreundschaft erlebt. Auf der Straße winken und hupen uns die Leute zu. Sie freuen sich einfach uns zu sehen, zeigen uns Daumen nach oben. Oft werden wir eingeladen zum Essen, Tee oder sonstigem. Wir fühlen uns zu keinem Zeitpunkt unsicher. Die Menschen in Pakistan sind die gastfreundlichsten, die wir bisher kennengelernt haben. Wir fühlen uns in diesem Land mehr als willkommen!

Von Quetta geht es weiter ins Landesinnere und über die chaotische Nationalstraße nach Norden, bis zur Grenzstadt Lahore. Eigentlich wollten wir von dort direkt weiter nach Indien. Doch es kommt anders: Der berühmte Karakorum Highway, höchster der Welt, zieht uns in seinen Bann...