Der Schäferhund aus Persien

Die Geschichte über die ersten Lebenswochen unseres iranischen Findling Hundes Joey. Ein Zufall der unser Leben verändert hat. Wir befinden uns im Südosten Persiens, auf einer Hochebene in der Wüste, nahe der Grenze zu Pakistan und Afghanistan.


Das erste an was ich mich erinnern kann, ist ein großer Schmerz und die globigen Hände des Schäfers, der mich festhält. Als er mich aus dem Schraubstock-Griff fallen lässt, renne ich winselnd zu meinen Geschwistern und meiner Mutter und drücke meine Schnauze in das weiche Fell, das nach Staub, Muttermilch und Schaf riecht. Dieser Geruch beruhigt mich. Ich drehe mich und knabbere an meinem Schwänzchen, von dem ein unerträglich stechender Schmerz ausgeht. Es ist abgeknickt. 

Die Hand des Schäfers greift nach meinem Schwesterchen. Ich erkenne alles nur schemenhaft, im flackernden Schein des Lagerfeuers. In der Nähe blöken die Schafe, die über Nacht beim Camp eingezäunt sind, der Esel steht nahe beim Feuer mit einer bunten Decke auf dem Rücken und döst vor sich hin. Der markerschütternde Schrei meiner Schwester, gellt durch die sternenklare Nacht.

 

Der Schäfer hat auch ihr den Schwanz abgeknickt, um ihn später, wenn die Welpen etwas größer sind, abschneiden zu können. Genauso die Ohren. Der kleine Welpe ist verwirrt, wozu soll es gut sein, den Schwanz und die Ohren abzuschneiden? Der Schmerz pocht quälend durch seinen Körper und lässt ihn nicht schlafen. Winselnd kuschelt er sich an seine Mutter, die ausgestreckt auf dem Boden liegt. Sie hatte einen anstrengenden Tag.

 

Am nächsten Morgen hebt sich die Sonne hinter den Bergen und taucht die wüstenähnliche Landschaft in ein rotes Licht. Am blauen Himmel ziehen vereinzelt Wölkchen vorbei. Es ist Ende des Sommers, aber immer noch wird es zur Mittagszeit drückend heiß. Schatten spendende Bäume oder Büsche gibt es in der kargen Landschaft nur wenige. Der Schäfer muss große Runden mit seiner Herde ziehen, damit die Schafe genug zu fressen finden. Der sandige Boden am Rand der Wüste ist wenig fruchtbar. Kleine kugelförmige dornige Büsche, die zu dieser Jahreszeit verdorrt sind,  überziehen das Land. Sie haben dieselbe Farbe, wie die braunen felsigen Berge, die die Hochebene umrahmen.

 

Blinzelnd wache ich auf, der Geruch von Rauch steigt mir in die Nase. Meine Mutter bekommt vom Schäfer gerade eine Schale mit Reis vorgesetzt. Habe mal daran geschnuppert, aber Milch ist um Welten besser, als das trockene Zeug. Ich und meine Geschwister saugen hungrig die Muttermilch.

 

Kurz darauf zieht der Schäfer mit seiner Herde los. Er reitet auf dem Esel und treibt die Schafe mit Rufen und Pfiffen in Richtung der nahen Berge. Die Hunde laufen nebenher.

Ich tipple zusammen mit meinen Geschwistern hinter meiner Mutter, die uns immer mit Fiepslauten motiviert weiter zu laufen. Sie weiß, dass wir eigentlich zu klein sind, um so lange Strecken selbst zu laufen und würde viel lieber mit uns beim Camp bleiben. Für mich ist alles neu und interessant. Ich schnuppere an einer kleinen Blüte, nage an einem Ästchen...

 

Dem Schäfer geht es nicht schnell genug, er weiß, dass er heute eine große Runde machen muss, damit seine Schafe genug zu fressen finden. Er packt die Hündin an der Kette, die sie um den Hals hat, und knotet sie mit einem Seil am Gurt, den der Esel umgeschnallt hat, fest. Dann tritt er dem Esel die Fersen in die Flanken und treibt mit lauten Rufen die Herde in einen Trab.

Hunderte Schafhufe wirbeln eine große Staubwolke auf, die sich wie eine Fahne hinter der Herde herzieht. Die Hündin bellt laut und die Kleinen versuchen mit den kurzen Beinchen Schritt zu halten. Der Schäfer schimpft, weil die Hündin sich sträubt mitzulaufen und immer nach hinten zu ihren Welpen schaut. Der kleinste Welpe verliert den Anschluss, kommt zwischen die Schafe und verschwindet zwischen ihren Beinen. Der Schäfer pfeifft und ruft um die Herde in Schwung zu halten, er bemerkt den fehlenden Welpen nicht. Er kann ohnehin nicht alle Hundewelpen behalten und durchfüttern.

 

Überall um mich sind plötzlich nur noch Schafhufe und Staub. Ich renne so schnell ich kann. Durch das Blöcken der Schafe, höre ich deutlich das Bellen meiner Mutter und das Fiepsen der Geschwister.
Der Staub verklebt meine Augen, nach kurzer Zeit sehe ich nichts mehr. Die harten Hufe der Schafe trampeln mich fast nieder. Ich renne trotzdem weiter, immer in die Richtung, aus der das Bellen kommt. Das Atmen fällt schwer, die Schafe rennen dicht gedrängt und boxen mich mit ihren Hufen. Das Bellen wird leiser. Ich höre nur noch das Donnern der Hufe und verliere die Orientierung. Fiepsend rufe ich nach meiner Mutter.

 

In der Ferne verliert sich die breite Spur der Herde im Sand der iranischen Wüste. Der kleine Welpe läuft tapfer und laut fiepsend weiter.

Ich habe brennenden Durst, meine Zunge ist trocken, der Staub hat meine Augen und Nase verklebt. Plötzlich erkenne ich eine Bewegung in der Ferne, das muss die Herde sein! So schnell ich kann, laufe ich in diese Richtung.

 

Der kleine sandfarbene Welpe rennt die Böschung hinauf, direkt auf die Straße zu. Die Bewegung, die er wahrgenommen hat, waren vorbei fahrende Autos. Die Sonne steht mittlerweile hoch am Himmel und es ist glühend heiß.

 

Was ist das? Große, laute Ungetüme rauschen an mir vorbei, alle in dieselbe Richtung. Ich folge Ihnen, renne immer weiter und rufe nach meiner Mutter. Niemand antwortet. Ich habe brennenden Durst.

Der Welpe rennt kilometerweit an der Straße entlang. Keiner beachtet ihn oder hört sein klägliches Winseln. Bei einer Brücke überholt ihn ein weißer Geländewagen mit deutschem Kennzeichen.

 

Eines der lauten Ungetüme hält an. Es ist ein besonders großes und helles. Heraus kommt ein Mensch. Ich laufe weiter direkt in die Arme des Menschen, der sehr freundlich zu mir ist und mich hochnimmt. Er setzt mich in den Schatten und gibt mir Wasser, das ich gierig trinke. Es ist schön, im Schatten zu liegen, der Durst ist gestillt. Da ist auch noch ein zweiter Mensch, beide streicheln mich und reden miteinander. Die Müdigkeit der großen Anstrengung übermannt mich, mir fallen die Augen zu.

 

 

So oder so ähnlich müssen die ersten Lebenstage unseres Findlinghundes Joey ausgesehen haben.

Es war schnell klar, dass wir den kleinen Welpen mitnehmen. Es muss Schicksal gewesen sein, dass er uns genau in die Arme gelaufen ist. Alleine auf der Straße hätte er nicht überlebt, falls er es doch geschafft hätte, würde ihm in der islamischen Republik Iran kein schönes Leben bevorstehen. Im Islam gelten Hunde, genau wie Schweine, als unrein und werden deshalb verpönt. Strassenhunde gibt es hier so gut wie gar nicht. Es gibt Gesetztesentwürfe, die die Haltung von Hunden als Haustier verbieten soll.

 

Die wichtigste Frage, die uns beschäftigt: Was brauchen wir um mit dem Hund über die Grenzen zu kommen? Wir wollen in 5 Tagen nach Pakistan, von dort weiter nach Indien und irgendwann auch zurück nach Deutschland, was noch einige Grenzübertritte erfordert.

 

Dr. Ali, der Tierarzt schätzt Joeys Alter auf 4 Wochen, er bringt stolze 1,7 kg auf die Waage, bei einer Schulterhöhe von 25 cm. Fürs Papier wird er dann älter gemacht, damit die erforderlichen Impfungen eingetragen werden können. Völlig problemlos, der Tierarzt ist sehr hilfsbereit.
"Wie groß wird er denn etwa?" fragen wir. "Er ist ein Mischling, hat aber auf jeden Fall einen Schuss anatolischer Schäferhund drin. Es kommt auf die Ernährung an, wie groß er wird. Etwa kniehoch und so 25 kg." Lachend meinen wir, dass er hoffentlich recht hat, größer sollte er nicht werden, sonst wird's verdammt eng im Auto.

Der Mikrochip, der eine eindeutige Identifizierung sicherstellt, wird mit einer dicken Nadel zwischen den Schulterblättern platziert, was Joey, der bisher alles klaglos über sich ergehen ließ, mit lautem Heulen quittiert. Der Name "Joey" wurde dann auch beim Tierarzt entgültig festgelegt, als wir ihn für den Tierpass eintragen mussten.

Die Ausstellung des Tierausweis dauert eine Woche. Solange können wir nicht mehr warten, da unser Visa abläuft. Wir müssen weiter nach Pakistan. Zum Glück haben wir schon über couchsurfing Talha in Pakistan kennengelernt. Er gibt uns seine Adresse und der Tierarzt verspricht, dass es dort hingeschickt wird.

 

Wir freuen uns riesig, dass wir den kleinen Joey nun mitnehmen können!
Fünf Tage später machen wir uns auf den Weg nach Pakistan. Wir sind sehr angespannt wegen der Grenze. Aber die Freude über unser neuestes Mitglied an Bord überwiegt...