Hochzeit in Persien Teil 2: Pyjama-Party

Fortsetzung der unerwarteten Einladung zu einer Hochzeit im Iran.

Junggesellinenabschied auf persisch
Junggesellinenabschied auf persisch

 

Mir wird eröffnet dass die Party noch weiter geht, nur für die Mädels und nur für den harten Kern. Ob ich mitkomme? Ich verstehe nur soviel: Die Frauen Riege will noch zu einem anderen Haus, wo getanzt wird, dann geschlafen, morgen früh gefrühstückt und dann kommen wir zurück. Matze und die Männer bleiben hier. Es ist bereits 2 Uhr nachts. Die Mädels freuen sich riesig, als ich sage dass ich mitkomme. 

So ziehen wir nochmals los, diesmal mit bequemerem Outfit, in Erwartung einer kurzen Nacht. Wir fahren zur Wohnung der Braut Mutter. Hier sind schon die engsten Freundinnen und Verwandten der Braut versammelt. 15 Frauen und ein paar Kids tanzen auch noch herum. Wir werden ins Wohnzimmer gelotst und mit Tee begrüßt. Alle sitzen auf Stühlen und Sofas rings ums Wohnzimmer. Ich erkenne fast alle der Damen von der offiziellen Feier, wobei ich ab und zu zweimal schauen muss, da sich nun alle umgezogen haben und in Pyjamas, Jogging-Hose und Schlabbershirts abhängen. Das perfekte Makeup, das die meisten noch drauf haben, gibt einen schönen Kontrast dazu. Eine richtige Pyjama Party!

Die Musik wird aufgedreht und sofort wieder losgetanzt. Die zwolfjährige Leila zeigt mir den traditionellen Tanz in Azerbaijan Style (wir sind in der Region iranisch Azerbaijan). Sie ist mir auf der Feier schon aufgefallen: Dunkle Locken, spricht sehr gut Englisch, da ihre Mutter Englisch Lehrerin ist. Die Mutter Sara lerne ich kurz darauf kennen. Sie ist die einzige mit der ich mich gut unterhalten kann, weil sie perfekt Englisch spricht.

 

Sie übersetzt für die anderen, die Allerlei wissen wollen. Ob ich verheiratet bin, ist die erste und wichtigste Frage. Ich antworte wahrheitsgemäß, dass wir nicht verheiratet sind und erkläre, dass es in Deutschland durchaus üblich ist, erst spät zu heiraten. Das stößt auf allgemeines Unverständnis. Und Kinder habe ich auch noch keine? Nein. Das können sie fast nicht glauben. 

Die zweit wichtigste Frage lautet: Alter, Größe und Gewicht? Die fragen tatsächlich nach dem Gewicht. Lachend sage ich, dass es bei mir Zuhause ein no-go ist jemandem nach dem Gewicht zu fragen. Sara meint, dass es hier durchaus üblich ist und daran festgemacht wird, ob es dir gut geht. Ich sollte ruhig noch etwas Gewicht zulegen. Auch hier wieder ein anderes Schönheitsideal.

Nachdem diese wichtigsten Fragen geklärt sind, beginnen einige wieder zu tanzen. Zu mir aufs Sofa setzt sich Saipeh, die auch etwas Englisch redet. Sie ist 21 und hat ihre kleine Tochter dabei. Stolz erzählt sie, dass sie schon mit 17 verlobt war und 2 Jahre später geheiratet hat. Auf mich macht sie einen glücklichen Eindruck und zeigt mir Fotos ihrer Familie. Eine andere Frau, erklärt mir unverblümt, dass sie unglücklich mit einem 8 Jahre älteren Mann verheiratet ist. Sie ist 35, hat schon als Kind ihre Eltern verloren und mit 18 geheiratet. Ihre Augen sehen traurig aus und ihre Gesichtszüge verraten, dass sie schon schwierige Zeiten durchgemacht haben muss. Das können auch die rot gefärbten Haare nicht über decken. Sie tut mir leid, als Frau hat sie in diesem Land nichts zu melden. Wahrscheinlich hätte sie sich schon längst von ihrem Mann scheiden lassen, wenn sie könnte.

 

Ich frage Saipeh, wie alt denn ihre Tochter sei. 7 Monate, sie ist per Kaiserschnitt auf die Welt gekommen. Warum Kaiserschnitt, will ich wissen. Saipeh zuckt die Schultern. Sara erklärt daraufhin, dass die wenigsten Babys hier natürlich auf die Welt kommen. Fast alle werden per Kaiserschnitt geholt.

Sie klagt über die Schmerzen und die Narbe die damit verbunden sind. Das sei überhaupt nicht gut, Babys sollen natürlich auf die Welt kommen! 

Auf die Frage WARUM denn alle Kaiserschnitt machen, kann oder will mir aber keiner eine richtige Antwort geben. Eine kurze Google Recherche ergibt:

Iran hält Weltrekord bei Kaiserschnitten. Fast 50% der Babys kommen durch Kaiserschnitt zur Welt. Hauptgrund dafür sei der Mangel an Hebammen in den Krankenhäuser.

 

Mittlerweile ist es 4 Uhr morgens, aber niemand macht Anstalten schlafen zu wollen. Ein paar hart gesottene Tanzen noch, eine Frau sitzt auf dem Boden und stillt ihr Baby, die anderen reden. 

Houssein's Mutter Mitra ist immer sehr besorgt um mich und fragt mehrmals ob ich nicht lieber schlafen wolle. Ich versichere ihr, dass ich nicht müde bin und bestimmt auch nicht schlafe solange hier alle noch wach sind.

 

Saipeh schaut mich plötzlich komisch von der Seite an, fährt sich mit der Hand übers Gesicht und fragt "you pick hair?". Sara hilft: Die Frauen enthaaren sich hier auch die Härchen im Gesicht. In Deutschland zupfen wir normalerweise nur die Augenbrauen sage ich. Die beiden lachen nur.

Die völlig andere Kultur und Mentalität wird immer deutlicher, auch im folgenden Gespräch.

 

Die Frauen Löchern mich mit weiteren Fragen: Was ist der Job von deinem Freund? Nach meinem Job fragen sie nicht. Es wird davon ausgegangen Mann arbeitet und Frau ist Zuhause. Hast du in Deutschland auch ein Kopftuch auf? Wie viele Geschwister hast du? 

 

Alleine an diesen Fragen wird der krasse Kulturunterschied und die völlig andere Mentalität deutlich. Eine Männerdominierte Welt, in der die Familie und Religion über allem steht, in einem von der Aussenwelt abgeschotteten Land mit zensiertem Internet und ohne Pressefreiheit.

Das ist wirklich weit weg von Deutschland. Und trotzdem sind die Iraner die geborenen Gastgeber. Nehmen Fremde auf, wie gute Freunde. Diese Offenheit kann man in Europa leider ziemlich vergeblich suchen.

 

Um halb 5 morgens werden Decken und Kissen auf dem Boden ausgebreitet, um ein paar Stündchen zu schlafen. Dachte ich. Um halb 7 ist bereits wieder großes Palaver, so dass an Schlaf nicht mehr zu denken ist. In einem gigantischen Mannschaftstopf wird ein Frühstücksbrei gebrodelt. Den essen wir mit Zimt und Zucker auf dem Boden rund um eine große Plastik Tischdecke sitzend. Die Mädels haben auch nach durchgemachter Nacht noch nicht genug, die Musik wird wieder aufgedreht. Ich bin ohne Kaffee noch zu nichts zu gebrauchen und rette mich in den nächsten Sessel. Die Braut führt im Jogging Dress ihren einstudierten Braut-Tanz auf. Die Morgensonne scheint durch die großen Fenster herein und taucht die Szene in ein glamouröses Licht. Der Beginn des zweiten Tages, der 3-tägigen Hochzeitsfeier.

 

Was für ein Start unserer Reise durch Persien! Es war mir eine Ehre, Teil dieser Feier sein zu dürfen und einen solchen Einblick in die Kultur zu erhalten. Eine einmalige Erfahrung.