Hochzeit in Persien

Wir hatten viel von den extrem gastfreundlichen Iranern gehört. Die Realität hat uns aber umgehauen. "Welcome to Iran" hören wir an jeder Ecke, so wurden wir noch nie in einem Land begrüßt!

"Welcome to Iran" - die Gastfreundschaft ist unbeschreiblich
"Welcome to Iran" - die Gastfreundschaft ist unbeschreiblich

Bereits am zweiten Tag im Iran, sind wir bei Houssein's Familie in Ardabil eingeladen. Beim obligatorischen Tee eröffnet Houssein mir, dass seine Mutter später zur Hochzeit geht und mich gerne mitnehmen würde. Er erklärt, dass heute der erste Tag der Hochzeit ist, an dem nur Frauen eingeladen sind. Morgen feiern dann die Männer und am dritten Tag alle zusammen. Ich bin etwas überrumpelt und zögere. Sehe mich schon umrundet von Iranerinnen, die an meinen blonden Haaren zerren, alle ein Foto mit mir machen wollen und kein Englisch reden.

Houssein meint, seine Beauty Schwester "Bella" besorgt ein Kleid für mich und macht das make up. Nach kurzer Bedenkzeit sehe ich ein, dass dies eine einmalige Chance ist und nehme die Einladung dankend an.

 

Nach einer Dusche geht's ins Frauen-Zimmer. Sobald die Frauen unter sich sind interessiert das Kopftuch nicht mehr die Bohne. Ich föhne meine Haare und "Bella" Housseins Schwester, Negin die Cousine und Mitra die Mutter staunen und können nicht glauben, dass die wirklich nicht blond gefärbt sind. Nebenbei ziehen sich alle ganz ungeniert um, legen Make-up auf, und frisieren sich. Sobald die Männer ausser Sichtweite sind scheinen die Frauen wie verwandelt.

Ich bekomme ein bodenlanges enges schwarzes Kleid, dass dem roten Teppich würdig gewesen wäre. Es passt wie angegossen dank Stretch. Nach bald 10 Monaten im Traveller Outfit, dass aus ca. 7 langweiligen Shirts und 5 Hosen zur Auswahl besteht, macht es wahnsinnig viel Spaß sich Mal wieder etwas hübsch zu machen. Ein größeres Problem stellen meine verhältnismäßig riesigen Füsse dar, für die auch nach durchsuchen der kompletten Wohnung keine passenden Schuhe gefunden werden. Ich habe die Wahl zwischen meinen Trekking-Sandalen und einem Paar Pantoffeln aus schwarzem Plüsch mit einem Blumenmuster aus Glitzer Steinen. Einstimmig entscheiden wir uns, unter grossem Gelächter, für das letztere Übel, die Pantoffeln. Ich hoffe einfach, dass meine blonden Haare die Aufmerksamkeit etwas von meinem unpasseneden Schuhwerk fernhalten.

 

Das ganze Aufgehübsche muss nun wieder so gut wie möglich, von der Öffentlichkeit und den Blicken der Männer versteckt werden. Ich bekomme ein grosses schwarzes Tuch, dass ich um mich schlinge. Das ist wirklich unglaublich, die Frauen verwenden Stunden dafür, ihre Haare zu frisieren und sich hübsch zu machen und dann muss doch wieder alles unter grossen Tüchern versteckt werden. Für die Iranerinnen ist das normal und sie scheinen keinen einzigen Gedanken daran zu verschwenden. 

Fertig für die Hochzeitsfeier
Fertig für die Hochzeitsfeier

Houssein fährt uns in die Stadt. Braut und Bräutigam stehen draussen und begrüßen uns. Schon von weitem hört man dröhnende Musik, die ihren Höhepunkt im bereits rappelvollen Saal erreicht. Ausschließlich Frauen, etwa 150 wie ich später erfahre. Mitra zieht mein Tuch vom Kopf, es sind nur Frauen anwesend also darf man "offen" herumlaufen. In der ersten Reihe direkt gegenüber dem Podest mit Thron für das Brautpaar werden Plätze für uns frei gemacht. Der Saal ist bestuhlt, es gibt kleine Beistelltische auf denen sich Bananen, Äpfel und Pfirsiche türmen. Dazu gibt es Ananas Saft aus der Tüte mit Strohhalm, auf großen Blechen werden Schnitten serviert die aussehen und schmecken wie Power Müsli-Riegel und Mini Muffins.

Äußerst gesundes Hochzeitsessen
Äußerst gesundes Hochzeitsessen

Das Brautpaar betritt den Saal und nimmt auf dem Podest Platz, die Musik wird noch weiter aufgedreht. Der Bräutigam ist der einzige Mann im Raum, aber trotzdem müssen nun wieder die Schleier aufgezogen werden.

Der folgende Ablauf scheint einem genauen Programm zu folgen und besteht vor allem aus Tänzen. Den Eröffnungstanz führen die Mutter und vermutlich Oma der Braut auf. Sieht sehr orientalisch aus, mit kreisenden Handbewegungen, hoch erhobenem Kopf und stets lächelnd, drehen sich die Damen über die Tanzfläche. Danach kommen andere Frauen, immer zwei bis drei tanzen gemeinsam für das Brautpaar. 

Die Tänzerinnen scheinen es zu genießen im Rampenlicht zu stehen. Stolz und anmutig tanzen sie auch solo. 

 

Ich fühle mich wie im Kino und muss mich ein paar Mal daran erinnern dass wir nun tatsächlich in Persien sind. Nach etwa einer Stunde Tanz Programm verlässt der Bräutigam den Saal. Plötzlich, wie aus heiterem Himmel springen alle auf, ziehen die Schleier vom Kopf, stürmen auf die Tanzfläche und tanzen ausgelassen. Die gewagtesten Outfits sind zu sehen, vom leicht kitschigen Ballkleid mit Glitzer Besatz über Jeans in Kombi mit Bauchfreiem Oberteil bis hin zur Latzhose. Auch ich werde von meinem Sitzplatz auf die Tanzfläche gezerrt und bin mittendrin. Falle nicht Mal auf zwischen den Iranerinnen, unter denen es einige Blonde gibt. Das einzige was vielleicht auffällt ist meine ziemlich sonnengebräunte Haut. Das Schönheitsideal hier ist eher ein blass weißer Farbton. Das freizügige Getanze dauert nicht lange, nach etwa 10 Minuten gehen plötzlich, wie auf Knopfdruck, wieder alle an ihre Plätze und ziehen den Schleier auf. Kurz darauf verstehe ich warum, der Bräutigam kommt wieder zur Türe herein. 


Im Prinzip ist der ganze Abend davon bestimmt, das Kopftuch im richtigen Moment auf oder abzuziehen. Wobei es mir niemand übel nimmt, wenn ich es vergesse.

Die Show geht weiter und eine Frau überbringt dem Brautpaar tanzend einen Blumen Ball gefüllt mit Henna Pulver. Damit malt sich das Brautpaar dann gegenseitig Buchstaben in die Handinnenflächen. Beeindruckend ist die Vorführung eines kleinen Jungen der tanzt wie Michael Jackson und dafür johlenden Applaus und einige Geldscheine des Bräutigams erntet. Der Höhepunkt des Abends ist der Braut-Tanz. Sie umtanzt, quasi in einer Art "Balztanz" ihren zukünftigen Ehemann, der sie daraufhin mit Geldscheinen überschüttet, also wirklich bewirft. Damit ist das offizielle Programm beendet.

Persische Hochzeit
Persische Hochzeit

Das Brautpaar verlässt den Saal und wieder wie auf Knopfdruck stürmen alle auf die Tanzfläche. Ich werde erstmal von ein paar Frauen beschlagnahmt, um Fotos zu machen. Es bildet sich eine regelrechte Schlange, alle wollen Fotos mit mir machen. Eine Frau meint, dass sie denken ich sei eine prominente Schauspielerin. Ich verneine lachend. Hatte ja damit gerechnet und es macht mir nichts aus, auf  hunderten Selfies verewigt zu sein. Überall herzliche Begrüßungen, leider reden nur sehr wenige Englisch, so ist die Verständigung meist schwierig. Am Schluss gibt's noch ein Selfie mit dem Brautpaar und ich überbringe den beiden die besten Wünsche aus Deutschland, worüber sie sich sehr freuen.

 

 "Seid ihr am Freitag noch in der Stadt?" fragt der Bräutigam. Leider Nein, Matze hätte die Hochzeit bestimmt auch gerne erlebt, aber wir müssen wirklich weiter. Wir sind die letzten Gäste und verabschieden uns. Wir gehen wieder zu Houssein nach Hause, wo es eine Kleinigkeit zu essen gibt. War ja ein ganz amüsanter Abend, denke ich beim umziehen im "Frauen Zimmer". Dass der Abend bzw. die Nacht aber eigentlich gerade erst beginnt, weiß ich zu dem Zeitpunkt noch nicht.

 

Die weitere Nacht wird kurz. Die Frauen sind äussert neugierig und offen und erzählen viel.